Nach Krebs aktiv Lebensfreude zurückgewinnen

Eine Krebstherapie schwächt Patienten körperlich und seelisch. Regelmäßige Bewegung kann den Betroffenen helfen, doch die praktische Umsetzung kostet oft Überwindung. Wie sehr sich diese Anstrengung aber lohnt und wie eine Reha hierbei hilft, zeigt der Erfahrungsbericht einer 67-jährigen Berlinerin.

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Radtouren über viele Kilometer oder ausgedehnte Wanderungen waren für Frau T. lange Jahre selbstverständlich. Doch eine Krebserkrankung und ihre Folgen stellten das Leben der sportlichen Berlinerin plötzlich komplett auf den Kopf. "Ich war am Nullpunkt angelangt. Selbst die drei Treppenstufen in meine Wohnung waren schon zu viel", erinnert sich die 67-Jährige an die Nachwirkungen der Behandlung. Ein starker Gewichtsverlust, Muskelabbau und Erschöpfung führten dazu, dass sie kaum noch Kraft hatte. Doch Sport und Bewegung haben ihr letztendlich geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Heute, zwei Jahre später, fährt sie wieder Fahrrad, macht Yoga, besucht eine Reha-Sportgruppe und geht wandern.

Sport als unterstützende Maßnahme in der Krebstherapie

"Sport kann nicht die medizinische Behandlung ersetzen, aber es ist eine ganz wichtige unterstützende Maßnahme", erläutert Dr. Martina Schmidt, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Die Bewegung kann nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit aufrechterhalten oder wieder aufbauen, sondern auch Nebenwirkungen wie die starke Erschöpfung (Fatigue) mildern oder vorbeugen. Mittlerweile ist es bei vielen Krebs-Betroffenen angekommen, dass Sport generell gut tut, erklärt Dr. Schmidt. "Eine Befragung von uns hat gezeigt, dass eine übergroße Mehrheit der Krebspatienten Sport als sehr wichtig erachtet." Doch bei der Umsetzung hapert es laut Dr. Schmidt teilweise noch.

"Die Krebspatienten sind ein Spiegel der Gesellschaft", weiß die Berliner Sporttherapeutin Anke von Popowski, die seit Jahren mit ihnen arbeitet. Einige Menschen sind hochmotiviert und bleiben dies auch. Anderen hingegen fällt es schwer, sich aufzuraffen, gerade wenn sie unter dem Fatigue-Syndrom, der starken Erschöpfung, leiden. "Der Krebs macht auch seelisch etwas mit den Patienten, das ist schon anders als nach einer Hüft-OP", betont von Popowski.

Auch Frau T. traute sich zunächst kaum noch etwas zu. "Bei mir brachte die zweite Reha den Durchbruch", erzählt sie. Dort ist sie langsam wieder an die Bewegung herangeführt worden. Ein wichtiger Baustein für ihre Fitness inzwischen: Die Reha-Sportgruppe, die sie wöchentlich besucht. Jeweils 60 Minuten lang absolvieren die Teilnehmer eine Kombination aus Herz-Kreislauf-Training, funktioneller Gymnastik zur Mobilisation und Kräftigung sowie Gleichgewichts- und Koordinationsübungen. "Generell gilt: Was Spaß macht, ist gut", sagt Dr. Schmidt. Aber der Sport muss der jeweiligen Situation angepasst sein. "Da sollten Patienten immer Rücksprache mit dem Arzt halten, um Aspekte wie frische Narben, Begleiterkrankungen oder ein geschwächtes Immunsystems zu berücksichtigen".

Sport nach Krebs: Positive Wirkung für Körper und Psyche

Laut Deutscher Krebshilfe stehen in Deutschland etwa 1.000 Krebsnachsorge-Sportgruppen zur Verfügung. Der Bedarf ist da: Allein 2016 gab es nach jüngsten Schätzungen des Robert Koch-Instituts fast eine halbe Million Krebsneuerkrankungen in Deutschland. Doch warum wirkt sich Sport überhaupt so positiv aus? "Es gibt nicht den einen Mechanismus, sondern die Wirkung ist vielschichtig. Allgemein gehen wir davon aus, dass Sport unter anderem über die Verbesserung der Fitness, also von Herz-Kreislauf, Lungenfunktion und Muskelfunktion, Abbau von Körperfett oder die Stärkung des Immunsystems wirkt", erklärt Dr. Schmidt. Aus einem Versuch mit Mäusen gibt es zudem Hinweise, dass Sport den Rückgang eines Tumors fördern könnte - wie genau, ist aber noch unklar.

"Bei Langzeitbeobachtungsstudien sieht man, dass die Überlebens- und Rückfallraten bei Patienten, die Sport getrieben haben, besser sind als bei passiven Menschen. Der eindeutige Nachweis der Kausalität steht allerdings noch aus, meint Dr. Schmidt. Nicht zuletzt wirkt sich der Sport auch auf die Psyche der Krebspatienten aus, betont sie. "Patienten gewinnen wieder Vertrauen in den eigenen Körper und haben das Gefühl, selbst aktiv zu werden. Das ist oft wichtig, denn bei der Therapie sind sie häufig in der passiven Rolle - es wird etwas mit ihnen gemacht, man fühlt sich ausgeliefert."

Frau T. hat den Schicksalsschlag mit Hilfe des Sports bewältigt, aber nicht nur: "Auch meine Freunde und eine psychoonkologische Therapie haben mir sehr geholfen. Ich bin auf einem guten Weg!"

Quelle: dpa
Juli 2020

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